German Originals 7

 

 

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Das dritte Sonett

Als ich schon dachte, daß wir einig wären
Gebrauchte ich, fast ohne drauf zu achten
Die Wörter, welche meinten, was wir machten
Und zwar die allgemeinsten, ganz vulgären.
 
Da war's, als ob von neuem du erschrakst
Alls sähst du jetzt erst, was das, was wir machten, sei
In vielen Wochen, die du bei mir lagst
Lehrt ich von diesen Wörtern dich kaum zwei.

Mit solchen Wörtern rufe ich den Schrecken
Von einst zurück, als ich dich frisch begattet
Es läßt sich länger nunmehr nicht verdecken:
Das Allerletzte hast du da gestattet!
Wie konntest du dich nur in so was schicken:
Das Wort für das, was du da tatst, war  __________________.

 

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Achtes Sonett
 
Nachts, wo die Wäsche an der Hecke hing...
Am Bach im Wald, du standest, rings war Wildnis...
Im kleinen Holzbett, unterm Bronzebildnis...
Auf schwedischen Bett im Arbeitsraum; er fing
 
Eben zu trocknen an... am Hang, bei großer Schräge...
Im Eck der Schreibstub. zwischen Fenster und Schrank...
Im Gasthof, der Petroleumofen stank ...
Im Lagereck der Schreibstub, essensträge...
 
Im Kloster, durch Klaviere aufgebracht...
Möbliert, du warfst den Schlüssel vom Balkon...
Im einen Zimmer des Hotels ... in beiden ...
 
Im Vaterland der Werktätigen ... schon
Zu jeder Stund des Tags ... und auch der Nacht...
In gut vier Ländern ... allen Jahreszeiten...
 

 

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Das neunte Sonett

 

Als du das Vögeln lerntest, lehrt ich dich
So vögeln, daß du mich dabei vergaßest
Und deine Lust von meinem Teller aßest
Als liebtest du die Liebe und nicht mich.

Ich sagte: tut nichts, wenn du mich vergißt
Als freutest du dich eines andern Manns!
Ich geb nicht mich, ich geb dir einen Schwanz
Er tut dir nicht nur gut, weil’s meiner ist.
 
Wenn ich so wollte, daß du untertauchst                             
In deinem eignen Fleische, wollt ich nie              
Daß du mit eine wirst, die da gleich schwimmt                    
Wenn einer aus Versehn hinkommt an sie.                            
Ich wollte, daß du nicht viel Männer brauchst        
Um einzusehn, was dir vom Mann bestimmt.

 
 

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Das elfte Sonett

 

Als ich dich in das fremde Land verschickte
Sucht ich dir, rechnend mit sehr kalten Wintern
Die dicksten Hosen aus fuer den (geliebten) Hintern
Und fuer die Beine Struempfe, gut gestrickte!

 

Fur deine Brust und fuer unten am Leibe
Und fuer den Ruecken sucht ich reine Wolle
Damit sie, was ich liebe, waermen solle
Und etwas Waerme von dir bei mir bleibe.

 

So zog ich diesmal dich mit Sorgfalt an
Wie ich dich manchmal auszog (viel zu selten!
Ich wuenscht, I haett das oefter noch getan!)

 

Mein Anziehn sollt dir wie ein Ausziehn gelten!
Nunmehr ist, dacht ich, alles gut verwahrt
Dass es auch nicht erkalt’, so aufgespart.   

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Über die Gedichte des Dante auf die Beatrice

 

Das zwölfte Sonett                            

 

Noch immer über der verstaubten Gruft
In der sie liegt, die er nicht vögeln durfte
Sooft er auch um ihre Wege schlurfte
Erschüttert doch ihr Name uns die Luft.
 
Denn er befahl uns, ihrer zu gedenken
Indem er auf sie solche Verse schrieb
Daß uns führwahr nichts anders übrigblieb

Als seinem schönen Lob Gehör zu schenken.

 

Ach, welche Unsitt bracht er da in Schwang
als er mit so gewaltigem Lobe lobte
Was er nur angesehen, nicht erprobte!
 
Seit dieser schon beim bloßen Anblick sang
Gilt, was hübsch aussieht und die Straße quert
Und was nie naß wird, als begehrenswert.

 

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Das dreizehnte Sonett

 

Das Wort, das du mir oft schon vorgehalten
Kommt aus dem Florentinischen, allwo
Die Scham des Weibes Fica heißt. Sie schalten
Den großen Dante schon deswegen roh

 

Weil er das Wort verwandte im Gedichte.
Er wurd beschimpft darum, wie ich heute las
Wie einst der Paris wegen Helenas            
(Der aber hatte mehr von der Geschichte!)

 

Jedoch du siehst jetzt, selbst der düstere Dante
Verwickelte sich in den Streit, der tobt            
Um dieses Ding, das man doch sonst nur lobt.

 

Wir wissen’s nicht nur aus dem Machiavelle:

Schon oft, im Leben wie im Buch entbrannte
Der Streit um die mit Recht berühmte Stelle.

 

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FRAGEN
 
Schreib mir, was du anhast! Ist es warm?
Schreib mir, wie du liegst! Liegst du auch weich?
Schreib mir, wie du aussiehst! Ist's noch gleich?
Schreib mir, was dir fehlt! Ist es mein Arm?
 
Schreib mir, wie's dir geht! Verschont man dich?
Schreib mir, was sie treiben! Reicht dein Mut?
Schreib mir, was du tust! Ist es auch gut?
Schreib mir, woran denkst du? Bin es ich?
 
Freilich hab ich dir nur meine Fragen!
Und die Antwort hör ich, wie sie fällt!
Wenn du müd bist, kann ich dir nichts tragen.

 

Hungerst du, hab ich dir nichts zum Essen.
Und so bin ich grad wie aus der Welt
Nicht mehr da, als hätt ich dich vergessen.

 

(Herbst 1934)

 

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Liebesgewohnheiten
                    
Es ist nicht so, daß der Genuß nur bleibt.
Oftmals verspürt, steigt er noch oftmals an.
Das noch einmal zu tun, was wir schon oft getan
Das ist es, was uns so zusammentreibt.
 
Dies kleine Zucken deines Hintern, längst
Erwartet schon! O deines Fleisches List!
Dies angenehme, was das zweite ist                          
Wonach du mit erstickter Stimme drängst!         
 
Dies Aufgehn deiner Knie! Dies sich Begattenlassen!
Dies Zittern dann, durch das mein Fleisch erfährt
Daß kaum gestillte Lust dir wiederkehrt!
Dies faule Drehn! Dies lässig nach mir fassen

Wenn du schon lächelst!
Ach, so oft man’s tut:
Wär’s nicht schon oft getan, wär’s nicht so gut!

 

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DER ORANGENKAUF
 
Bei gelbem Nebel in Southampton Street
Plötzlich ein Karren Obst mit einer Lampe
An Tüten zupfend eine alte Schlampe
Ich blieb stumm stehn wie einer, der was sieht
 
Nach was er lief: nun wurd's ihm hingestellt.
Orangen mußten es doch immer sein!
Ich haucht in meine Hand mir Wärme ein
Und fischte in der Tasche schnell nach Geld
 
Doch zwischen dem, daß ich die Pennies griff
Und nach dem Preis sah, der auf Zeitungsblatt
Mit schmieriger Kohle aufgeschrieben war
Bemerkte ich, daß ich schon leise pfiff
Mit einem wurd's mir nämlich bitter klar:
Du bist ja gar nicht da in dieser Stadt.

 

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DAS NEUNZEHNTE SONETT

 

An einem Tag, wo keine Nachricht kam
Rief ich die Wächter: die sechs Elefanten
Zum Bogen des Triumphes, und sie standen
Nachts gegen elf im Boulevard Wagram.

 

Leicht schaukelnd äugten sie mich an. Ich sagte:
Als ich sie eurem Schütze ließ, befahl
Ich euch, in Brei zu stampfen siebenmal
Jedweden, über den sie sich beklagte.

 

Sie standen schweigend, bis das größte Tier
Den Rüssel hob und boshaft langsam zielend
Wies es trompetend nach dem Schuldigen: nach mir.

 

Und donnernd stob der Haufe auf mich zu. Ich floh.
Und so verfolgt, floh ich ins Postamt, wo
Ich einen Brief schrieb, scheu durchs Fenster schielend.

 

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SONETT NR. I
 
 Und nun ist Krieg, und unser Weg wird schwerer.
 Du, die mir beigesellt, den Weg zu teilen
 Den schmalen oder breiten, ebnen oder steilen
 Belehrte beide wir und beide Lehrer                    
 
Und beide flüchtend und mit gleichem Ziele
Wisse, was ich weiß: Dieses Ziel ist nicht
Mehr als der Weg, so daß, wenn einer fiele
Und ihn der andre fallen ließe, nur erpicht

Ans Ziel zu kommen, dieses Ziel verschwände            
Nie mehr erkenntlich, nirgends zu erfragen!
Er liefe keuchend und am Ende stände                    

Er schweißbedeckt in einem grauen Nichts.
Dies dir an diesem Meilenstein zu sagen
Beauftrag ich die Muse des Gedichts.

 

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Für M.S.

 

 

"... Daß sie prüfe
 Alles, was ich sage; daß sie verbessere
 Jede Zeile von nun an
 Geschult in der Schule der Kämpfer
 Gegen die Unterdrückung.
 Seitdem unterstützt sie mich -
 Schwacher Gesundheit, aber
 Fröhlichen Geistes, unbestechlich
 auch von mir. Oftmals
 Streiche ich lachend selber eine Zeile durch, schon ahnend
 Was sie darüber sagen würde ..."

 

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NACH DEM TOD MEINER MITARBEITERIN M.S.

 

I

 

Im neunten Jahre der Flucht vor Hitler
Erschöpft von den Reisen
Der Kälte und dem Hunger des winterlichem Finnland

Und dem Warten auf den Paß in einen andern Kontinent
Starb unsere Genossin Steffin
In der roten Stadt Moskau.

 

II

 

Mein General ist gefallen
Mein Soldat ist gefallen

Mein Schüler ist weggegangen
Mein Lehrer ist weggegangen

Mein Pfleger ist weg
Mein Pflegling ist weg.

 

III

 

Als es so weit war und der nicht unerbittliche Tod
Achselzuckend mir die fünf zerstöreten Lappen der Lunge zeigte
Außerstande ihr zuzumuten ein Leben nur mit dem sechsten
Schleppte ich zusammen noch schnell 500 Auftraege
Dinge, zu erledigen sofort und morgen, im nächsten Jahr
Und in sieben Jahren von jetzt an
unzählige Fragen, entscheidende, nur durch sie
Beantworbare
Und so beansprucht
Starb sie leichter.

 

IV

 

Eingedenk meiner kleinen Lehrmeisterin
Ihrer Augen, des blauen zornigen Feuers
Und ihrer gebrauchten Kutte mit der breiten Kapuze
Und dem breiten unteren Saum, taufte ich
Den Orion am Himmel das Steffinische Sternbild.
Aufblickend und es kopfschüttelend betrachtend
Höre ich mitunter ein schwaches Husten.

 

V

 

Die Trümmer

Da ist noch die Holzschachtel für die Zettel beim Stückebau
Da sind die bayrischen Messer, da ist das Stehpult noch
Da ist die Wandtafel, da sind die Masken
Da ist der kleine Sender und der Soldatenkoffer
Da ist die Antwort, aber kein Frager ist da
Hoch über dem Garten
Steht das Steffinissche Gestirn.

 

VI

 

Nach dem Tod meiner Mitarbeiterin M.S.

 

Seit du gestorben bist, kleine Lehrerin
Gehe ich blicklos herum, ruhelos
In einer grauen Welt staunend
Ohne Beschäftigung wie ein Entlassener

Verboten
Ist mir der Zutritt zur Werkstatt, wie
Allen Fremden.

Die Straßen sehe ich und die Anlagen
Nunmehr zu ungewohnten Tageszeiten, so
Kenne ich sie kaum wieder.

Heim
Kann ich nicht gehen: ich schäme mich
Daß ich entlassen bin und
Im Unglück.

 

***