German Originals 6

 

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Frühling 1938

   I

Heute, Ostersonntag früh
Ging ein plötzlicher Schneesturm über die Insel.
Zwischen den grünenden Hecken lag Schnee. Mein junger Sohn
Holte mich zu einem Aprikosenbäumchen an der Hausmauer
Von einem Vers weg, in dem ich auf diejenigen mit dem Finger deutete
Die einen Krieg vorbereiteten, der
Den Kontinent, diese Insel, mein Volk, meine Familie und mich
Vertilgen mag. Schweigend
Legten wir einen Sack
Über den frierenden Baum.

 II

Über dem Sund hängt Regengewölke, aber den Garten
Vergoldet noch die Sonne. Die Birnbäume
Haben grüne Blätter und noch keine Blüten, die Kirschbäume hingegen
Blüten und noch keine Blätter. Die weißen Dolden
Scheinen aus dürren Ästen zu sprießen.
Über das gekräuselte Sundwasser
Läuft ein kleines Boot mit geflicktem Segel.
In das Gezwitscher der Stare
Mischt sich der ferne Donner
Der manövrierenden Schiffsgeschütze
Des Dritten Reiches.

III

In den Weiden am Sund
Ruft in diesen Frühjahrsnächten oft das Käuzlein.
Nach dem Aberglauben der Bauern
Setzt das Käuzlein die Menschen davon in Kenntnis
Daß sie nicht lang leben. Mich
Der ich weiß, daß ich die Wahrheit gesagt habe
Über die Herrschenden, braucht der Totenvogel davon
Nicht erst in Kenntnis zu setzen.

 

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SCHWEDISCHE LANDSCHAFT

 

Unter den grauen Kiefern ein Haus auf Abbruch.
Zwischen Schutt eine weißlackierte Lade.
Ein Altar?  Ein Ladentisch?  Das ist die Frage.
Wurde der Leib Jesu hier verkauft?  Sein Blut
Ausgeschenkt?  Oder Linnen zelebriert und Stiefel?
Gab es hier irdische oder himmlische Verdientste?
Verkauften hier Paffen oder predigten Kaufleute?
Gottes schöne Schöpfungen, die Kiefern
Schlägt der Schlosser von nebenan los.

 

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Naturgedichte 1
(Svendborg)

Durch das Fenster, die zwölf Quadrate
Sehe ich einen knorrigen Birnbaum mit hangenden Zweigen
In einem unebenen Rasen, auf dem etwas Stroh liegt
Er ist begrenzt durch einen Trakt aufgeworfener Erde
In die Büsche gepflanzt sind und niedere Bäume.
Hinter dieser Hecke, jetzt kahl im Winter
Läuft der Fußweg, begrenzt durch ein Gatter
Kniehoher und weißgestrichener Latten: schon einen Meter hinter ihm
Steht ein kleines Haus mit zwei Fenstern in grünen Holzrahmen
Und einem Ziegeldach, das so hoch wie die Mauer ist.
Die Mauer ist sauber weißgetüncht, auch die paar Meter Mauer
Die das Haus nach der Seite verlängern, nachträglich angebaut
Sind sauber weißgetüncht. So wie zur Linken, wo sie etwas zurücktritt
Ist eine grüne Holztür auch in dem Anbau
Und da auf der andern Seite des Hauses der Sund anfängt
Dessen Wasserfläche nach rechts zu im Nebel liegt
Holzschuppen und Sträucher vor sich
Hat das kleine Haus wohl im ganzen drei Ausgänge.
Das ist gut für Bewohner, die gegen das Unrecht sind
Und von der Polizei geholt werden können.

Naturgedichte 2
(Augsburg)

Ein Frühjahrsabend in der Vorstadt.
Die vier Häuser der Kolonie
Sehen weiß aus in der Dämmerung.
Die Arbeiter sitzen noch
Vor den dunklen Tischen im Hof.
Sie sprechen von der gelben Gefahr.
Ein paar kleine Mädchen holen Bier
Obwohl das Messingläuten der Ursulinerinnen schon herum ist.
In Hemdärmeln lehnen sich ihre Väter aus den Kreuzstöcken.
Die Nachbarn hüllen die Pfirsichbäumchen an der Häuserwand
In weiße Tüchlein wegen des Nachtfrosts.

 

[1939]

 
 

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Finnland 1940

 

I

 

Wir sind jetzt Flüchtlinge in
Finnland.

Meine kleine Tocher
Kommt abends schimpfend nach Hause, mit ihr
Will kind Kind spielen. Sie ist Deutsche und entstammt
Einem Räubervolk.

Wenn ich ein lautes Wort wechsle in der Diskussion
Werde ich zur Ruhe verwiesen. Man liebt hier nicht
Laute Worte von einem
Der aus einem Räubervolk stammt.

Wenn ich meine kleine Tochter erinnere
Daß die Deutschen ein Räubervolk sind
Freut sie sich mir mir, daß sie nicht geliebt werden
Und wir lachen zusammen.

 

II

 

Mir, der ich von Bauern abstamme
Widerstrebt es, zu sehen
Wie Brot weggeworfen wird.
Man versteht
Wie ich ihren Krieg hasse!

 

III

 

Bei einer Flasche Wein
Schilderte uns unsere finnische Freundin
Wie der Krieg ihren Kirschgarten verwüstet hat.
Der Wein, den wir trinken, sagte sie, stammt aus ihm
Wir leerten unsere Gläser
Im Gedenken an den erschossenen Kirschgarten
Und auf die Vernunft.

 

IV

 

Das ist dieses Jahr, von dem man reden wird.
Ds ist dieses Jahr, von dem man schweigen wird.

Die Alten sehen die Jungen sterben
Die Törichten sehen die Weisen sterben.
Die Erde trägt nicht mehr, aber sie schluckt.
Der Himmel wirft keinen Regen, sondern nur Eisen.

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FINNISCHE GUTSSPEISEKAMMER 1940

 

O schattige Speise!  Einer dunklen Tanne
Geruch geht nächtlich brausend in dich ein
Und mischt sich mit dem süßer Milch aus großer Kanne
Und dem des Räucherspecks vom kalten Stein.

Bier, Ziegenkäse, frisches Brot und Beere
Gepflückt im grauen Strauch, wenn Frühtau fällt!
Oh, könnt ich laden euch, die überm Meere
Der Krieg der leeren Mägen hält!

 

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Finnische Landschaft 1940
 
Fischreiche Wässer! Schönbaumige Wälder!
Birken- und Beerenduft!
Vieltoniger Wind, durchschaukelnd eine Luft
So mild, als stünden jene eisernen Milchbehälter
Die dort vom weißen Gute rollen, offen!
Geruch und Ton und Bild und Sinn verschwimmt.
Der Flüchtling sitzt im Erlengrund und nimmt
Sein schwieriges Handwerk wieder auf: das Hoffen.

Er achtet gut der schöngehäuften Ähre
Und starker Kreatur, die sich zum Wasser neigt
Doch derer auch, die Korn und Milch nicht nährt.
Er fragt die Fähre, die mit Stämmen fährt:
Ist dies das Holz, ohn das kein Holzbein wäre?
Und sieht ein Volk, das in zwei Sprachen schweigt.
                         

 
 

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1940

 

I

 

Das Frühjahr kommt. Die linden Winde
Befreien die Schären vom Wintereis.
Die Völker des Nordens erwarten zitternd
Die Schlachtflotten des Anstreichers.

 

 II

 

Aus den Bücherhallen
Treten die Schlächter.
Die Kinder an sich drückend
 Stehen die Mütter und durchforschen entgeistert
 Den Himmel nach den Erfindungen der Gelehrten.

 

 III

 

Die Konstrukteure hocken
Gekrümmt in den Zeichensälen:
Eine falsche Ziffer, und die Städte des Feindes
Bleiben unzerstört.

 

IV

 

Nebel verhüllt
Die Straße
Die Pappeln
Die Gehöfte und
Die Artillerie.

 

 V

 

Ich befinde mich auf dem Inselchen Lidingö.
Aber neulich nachts
Träumte ich schwer und träumte, ich war in einer Stadt
nd entdeckte, die Beschriftungen der Straßen
Waren deutsch. In Schweiß gebadet
Erwachte ich, und mit Erleichterung
Sah ich die nachtschwarze Föhre vor dem Fenster und wußte:
Ich war in der Fremde.


Vi

 

Mein junger Sohn fragt mich: Soll ich Mathematik lernen?
Wozu möchte ich sagen. Daß zwei Stück Brot mehr ist al
Wozu, möchte ich sagen. Dieses Reich geht unter. Und
Reibe du nur mit der Hand den Bauch und stöhne
Und man wird dich schon verstehen.
Mein junger Sohn fragt mich: Soll ich Geschichte lernen?
Wozu, möchte ich sagen. Lerne du deinen Kopf in die Erde stecken
Da wirst du vielleicht übrigbleiben.
Ja, lerne Mathematik, sage ich
Lerne Französisch, lerne Geschichte!

 

VII

 

Vor der weißgetünchten Wand
Steht der schwarze Soldatenkoffer mit den Manuskripten.
Darauf liegt das Rauchzeug mit den kupfernen Aschbechern.
Die chinesische Leinwand, zeigend den Zweifler
Hängt darüber. Auch die Masken sind da. Und neben der Bettstelle
Steht der kleine sechslampige Lautsprecher.
In der Früh
Drehe ich den Schalter um und höre
Die Siegesmeldungen meiner Feinde.

 

VIII

 

Auf der Flucht vor meinen Landsleuten
Bin ich nun nach Finnland gelangt. Freunde
Die ich gestern nicht kannte, stellten ein paar Betten
In saubere Zimmer. Im Lautsprecher
Höre ich die Siegesmeldungen des Abschaums. Neugierig
Betrachte ich die Karte des Erdteils. Hoch oben in Lappland
Nach dem Nördlichen Eismeer zu
Sehe ich noch eine kleine Tür.