8 German Originals

 

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Vom Sprengen des Gartens
 
 O Sprengen des Gartens, das Grün zu ermutigen!
 Wässern der durstigen Bäume! Gib mehr als genug und
 Vergiß nicht das Strauchwerk, auch
 Das beerenlose nicht, das ermattete
 Geizige. Und übersieh mir nicht
 Zwischen den Blumen das Unkraut, das auch
 Durst hat. Noch gieße nur
 Den frischen Rasen oder den versengten nur
 Auch den nackten Boden erfrische du.
 

 

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DER TAIFUN

 

Auf der Flucht vor dem Anstreicher nach den Staaten
Merkten wir plötzlich, daß unser kleines Schiff still lag.
Eine ganze Nacht und einen ganzen Tag
Lag es auf der Höhe von Luzon im Chinesischen Meer.

Einige sagten, eines Taifuns wegen, der im Norden tobte
Andere befürchteten deutsche Piratenschiffe.
Alle
Zogen den Taifun den Deutschen vor.

 

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ÜBERALL FREUNDE

 

Die finnishen Arbeiter
Gaben ihm Betten und einen Schreibtisch
Die Schriftsteller der Sowjetunion brachten ihn aufs Schiff
Und ein jüdischer Wäscher in Los Angeles
Schickte ihm einen Anzug: der Feind der Schlächter
Fand Freunde.

 
 

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Die Landschaft des Exils

 

Aber auch ich auf dem letzten Boot
Sah noch den Frohsinn des Frührots im Takelzeug
Und der Delphine graulichte Leiber, tauchend
Aus der Japanischen See.
Und die Pferdewäglein mit dem Goldbeschlag
Und die rosa Armschleier der Matronen
In den Gassen des gezeichneten Manila
Sah auch der Flüchtling mit Freude.
 Die Öltürme und dürstenden Gärten von Los Angeles
 Und die abendlichen Schluchten Kaliforniens und die Obstmärkte
 Ließen auch den Boten des Unglücks
 Nicht kalt.

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Garden in Progress

 

Hoch über der pazifischen Küste, unter sich
Den leisen Donner der Wogen und das Rollen der Ölwaggons
Liegt der Garten des Schauspielers.

Das weiße Haus ist beschattet von riesigen Eukalyptusbäumen
Verstaubten Überbleibseln der verschwundenen Mission.
Nichts sonst erinnert an sie, es sei denn das indiansische
Granitene Schlangenhaupt, das neben dem Brunnen liegt
Als erwarte es geduldig
Den Verfall mehrere Zivilisationen.

Und da war auf einem Holzblock eine mexikanische Skulptur
Aus porösem Tuffstein, darstellend ein Kind mit heimtückischen Lidern
Das stand vor den Backsteinen des Werkschuppens.
Schöne graue Bank chinesischer Zeichnung, zugewendet
Dem Werkschuppen.  Auf ihr sitzend, plaudernd
Blickst du über die Schulter auf den Zitronenhain
Ohne Mühe.

In einem heimlichen Gleichgewicht
Ruhen und schwingen die Teile, doch nirgends
Scheiden sie sich dem entzückten Blick, auch erlaubt die meisterliche Hand
Des allgegenwärtigen Gärtners keiner der Einheiten
Völlige Einheitlichkeit: bei den Fuchsien etwa
Mag ein Kaktus wohnen.  Auch ordnen die Jahreszeiten
Ständig die Einblicke, bald hier, bald da
Blühen oder verblühen die Gruppen. Ein Menschenalter
Reichte nicht aus, hier alles zu bedenken. Doch
Wie der Garten mit dem Plan
Wächst der Plan mit dem Garten.

Die kräftigen Eichenbäume in dem lordlichen Rasen
Sind deutliche Geschöpfe der Fantasie, Der Herr des Gartens
Baut mit der scharfen Säge
Alljährlich ein neues Geäst.

Unbedacht aber wuchert das Gras jenseits der Hecke
Um den riesigen wilden Rosenstrauch. Cynien und bunte Winden
Wiegen sich über dem Abhang. Süsse Bohnen, Farne
Sprießen um das gescheitete Brennholz.

In der Ecke unter den Fichten
Findest du an der Mauer den Fuchsiengarten. Wie Immigranten
Stehen die schönen Sträucher uneingededenk ihrer Herkunft
Sich überrraschend durch manches kühne Rot
Mit volleren Blüten um den kleinen einheimsichen
Zarten und kraftvollen Stauch der winzigen Kelchlein.

Und da war ein Garten im Garten
Unter einer Föhre, also im Schatten
Zehn Fuß breit und zwölf Fuß lang
Der war groß wie ein Park
Mit ein wenig Moos and Zyklamen
und zwei Büschen Kamelien.

Und nicht nur aus seinen Planzen und Bäumen
Baute der Herr des Gartens, sondern auch
Mit den Pflanzen und Bäumen der Nachbarn, sagend ihm dieses
Lächelnd gestand er: ich stehle nach allen Seiten.
(Aber die schlechte Dinge verbarg er
Mit seinen Pflanzen und Bäumen.)

Überall verstreut
Standen kleine Büsche, Gedanken einer Nacht
Wohin man kam, wenn man suchte
Fand man verborgene lebendige Entwürfe.

Am Haus hin führt ein klösterlicher Gang von Ibiskusstäuchern.
Eng gepflanzt, daß der Promenierende
Sie zurückbeigen muß, so entladend
Den vollen Duft ihrer Blüten.

In dem klösterlichen Gang am Haus, neben der Lampe
Ist der arizonische Kaktus gepflanzt, der mannshöhe, der alljährhlich
Eine Nacht lang blüht, dieses Jahr
Zu dem Donner der manöverierenden Schiffskanonen
Mit faustgroßen weißen Blumen von der Zartheit
Eines chinesischen Schauspielers.

Leider ist der schöne Garten, hoch über die Küste gelegen
Auf brüchiges Gestein gebaut, Erdrutsche
Nehmen ohne Warnung Teile plötzlich in die Tiefe. Anscheinend
Bleibt nicht viel mehr Zeit,  ihn zu vollenden.

 
 

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SONETT IN DER EMIGRATION

 

Verjagt aus meinem Land muß ich nun sehn
Wie ich zu einem neuen Laden komme, einer Schenke
Wo ich verkaufen kann das, was ich denke.
Die alten Wege muß ich wieder gehn

 

Die glatt geschliffen durch den Tritt der Hoffungslosen!
Schon gehend, weiß ich jetzt nocht nicht: zu wem?
Wohin ich komme hör ich: Spell your name!
Ach, dieser ‘name’ gehörte zu den großen!

 

Ich muß noch froh sein, wenn sie ihn nicht kennen
Wie einer, hinter dem ein Steckbrief läuft
Sie würden kaum auf meine Dienste brennen.

 

Ich hatt zu tun mit solchen schon wie ihnen

Wohl möglich, daß sich der Verdacht da häuft
Ich möcht auch sie nicht allzu gut bedienen.

 

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Hollywood-Elegien (1942)

 

I

 

Das Dorf Hollywood ist entworfen nach den Vorstellungen
Die man hierorts vom Himmel hat. Hierorts
Hat man ausgerechnet, daß Gott
Himmel und Hölle benötigend, nicht zwei
Etablissements zu entwerfen brauchte, sondern
Nur ein einziges, nämlich den Himmel. Dieser
Dient für die Unbemittelten, Erfolglosen
Als Hölle.

 

II

 

Am Meer stehen die Öltürme. In den Schluchten
Bleichen die Gebeine der Goldwäscher. Ihre Söhne
Haben die Traumfabriken von Hollywood gebaut.
Die vier Städte
Sind erfüllt von dem Ölgeruch
Der Filme.

 

III

 

Die Stadt ist nach den Engeln genannt
Und man begegnet allenthalben Engeln.
Sie riechen nach Öl und tragen goldene Pessare
Und mit blauen Ringen um die Augen
Füttern sie allmorgendlich die Schreiber in ihren Schwimmpfühlen.

 

IV

 

Unter den grünen Pfefferbäumen
Gehen die Musiker auf den Strich, zwei und zwei
Mit den Schreibern. Bach
Hat ein Strichquartett im Täschchen. Dante schwenkt
Den dürren Hintern.

 

V

 

Die Engel von Los Angeles
Sind müde vom Lächeln. Am Abend
Kaufen sie hinter den Obstmärkten
Verzweifelt kleine Fläschchen
Mit Geschlechtsgeruch.


VI

 

Über den vier Städten kreisen die Jagdflieger
Der Verteidigung in großer Höhe
Damit der Gestank der Gier und des Elends
Nicht bis zu ihnen heraufdringt.

 

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BRIEFE ÜBER GELESENES

                            (Horazens Episteln, Buch 2, Epistel 1)

I

Hutet euch, ihr
Die ihr den Hitler besingt! Ich
Der die Züge des Mai und Oktober
Am Roten Platze gesehen habe und die Inschriften
Ihrer Transparente und am Pazifischen Meer
Auf dem Roosevelt-Highway die donnernden
Ölzuge und Lastwägen, beladen mit
Fünf Autos übereinander, weiß
Daß er bald sterben wird und sterbend
Seinen Ruhm überlebt haben wird, aber
Selbst wenn er die Erde unbewohnbar
Machte, indem er sie
Eroberte, könnte kein Lied
Ihn besingend, bestehn. Freilich erstirbt
Allzurasch der Schmerzensschrei auch ganzer
Kontinente, als daß er das Loblied
Des Peinigers ersticken könnte. Freilich
Haben auch die Besinger der Untat
Wohlautende Stimmen. Und doch
Gilt der Gesang des sterbenden Schwanes am schönsten: er
Singt ohne Furcht.

In dem kleinen Garten von Santa Monika
Lese ich unter dem Pfefferbaum
Lese ich beim Horaz von einem gewissen Varius
Der den Augustus besang, das heißt, was das Glück, seine Feldherrn
Und die Verderbtheit der Römer für ihn getan. Nur kleine Fragmente
Abgeschrieben im Werk eines andern, bezeugen
Große Verskunst. Sie lohnte nicht
Die Mühe längeren Abschreibens.

II

Mit Vergnügen lese ich
Wie Horaz die Entstehung der Saturnischen Verskunst
Zurückführt auf die bäurischen Sdrwänke
Welche die größten Häuser nicht schonten, bis
Die Polizei boshafe Lieder verbot, wodurch
Die Schmähenden gezwungen wurden
Edlere Kunst zu entwickeln und mit
Feinern Versen zu schmähen. So wenigstens
verstehe ich diese Stelle.
 

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DIE FREIWILLIGEN WÄCHTER

 

Mit meinen literarischen Werken
Habe ich mir einige freiwillige Wächter gewonnen
Die in dieser Stadt der Verkäufe über mich wachen.

 

Teure Häuser und Häuser mit exotischem Einschlag
Sind mir verboten. Gewisse Leute
Darf ich nur sehen, wenn ich Geschäfte
Nachweisen kann. Sie einzuladen an meinem Tisch
Ist mir verboten. Als ich von dem Kauf eines schöngearbeiteten Tisches sprach
Stieß ich nur auf Gelächter. Wollte ich eine Hose kaufen
Würde ich sicher hören: hast du nicht schon eine?

 

So wachen sie über mich in dieser Stadt
Um sagen zu können, sie kennen einen
Der sich nicht verkauft.

 

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DAS WILL ICH IHNEN SAGEN

 

Ich frage mich: warum reden mit ihnen?
Sie kaufen das Wissen ein, um es zu verkaufen.
Sie wollen hören, wo es billiges Wissen gibt
Das man teuer verkaufen kann. Warum
Sollten sie wissen wollen, was
Gegen Kauf und Verkauf spricht?

 

Sie wollen siegen
Gegen den Sieg wollen sie nichts wissen
Sie wollen nicht unterdrückt werden
Sie wollen unterdrücken
Sie wollen nicht den Fortschritt
Sie wollen den Vorsprung.

 

Sie sind jedem gehorsam
Der ihnen verspricht, daß sie befehlen können
Sie opfern sich dafür
Das der Opferstein stehen bleibt

 

Was soll ich ihnen sagen, dachte ich. Das
Will ich ihnen sagen, beschloß ich.

 

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Ich, der Überlebende
 
Ich weiß natürlich: einzig durch Glück
Habe ich so viele Freunde überlebt. Aber heute nacht im Traum
Hörte ich diese Freunde von mir sagen: »Die Stärkeren ueberleben<<
Und ich haßte mich.

 

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ÜBER DAS BÜRGERLICHE TRAUERSPIEL
»DER HOFMEISTER« VON LENZ
 
Hier habt ihr Figaro diesseits des Rheins!
Der Adel geht beim Pöbel in die Lehre
Der drüben Macht gewinnt und hüben Ehre:
So wird's ein Lustspiel drüben und hier kems.
 
Der Arme will, statt in die Literatur
Der reichen Schül'rin in die Bluse sdiaun.
Doch statt den Gordischen Knoten zu durchhaun
Haut er, Lakai, nur über eine Schnur.
 
Nun, er gewahrt, daß sich mit seinem Glied
Zugleich sein Brotkorb in die Höhe zieht.
So heißt es denn zu wählen, und er wählt.
 
Sein Magen knurrt, doch klärt auch sein Verstand sich
Er flennt und murrt und lästert und entmannt sich.
Des Dichters Stimme bricht,  wenn er's erzahlt.

 
 

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EIN FILM DES KOMIKERS CHAPLIN

In ein Bistro des Boulevard Saint Michel
Kam an einem regnerischen Herbstabend ein junger Maler
Trank vier, fünf jener grünen Schnäpse und beredetete
Den gelangweilten Billardspielern von einem erschütternden Wiedersehn
Mit einer einstmaligen Geliebten, einem zarten Wesen
Nunmehr Gattin eines wohlhabenden Fleischhauers.
"Schnell meine Herren" rief er beschwörend. "bitte, die Kreide
Die Sie benutzen für Ihre Queues!", und knieend am Boden
Suchte er, zitternder Hand, ihr Bildnis zu zeichnen
Sie, die Geliebte entschwunderner Tage, verzweifelt
Auswishend was er gezeichnet, von neum beginnend
Wiedrum stockened, ander Züge
Mischend und murmelnd: "Gestern noch wußte ich sie".
Über ihn stolperten fluchende Gäste, erbost der Wirt
Nahm ihn am Kragen und warf ihn hinaus, doch rastlos am Fußsssteig
Kopfschüttelnd jagte er nach mit der Kreide den
Zerfliessenden Zügen.

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Das Lied von der Moldau

 

Am Grunde der Moldau wandern die Steine     
Es liegen drei Kaiser begraben in Prag.
Das Große bleibt groß nicht und klein nicht das Kleine.
Die Nacht hat zwölf Stunden, dann kommt schon der Tag.

 

Es wechseln die Zeiten. Die riesigen Pläne
Der Mächtigen kommen am Ende zum Halt.
Und gehn sie einher auch wie blutige Hähne
Es wechseln die Zeiten, da hilft kein Gewalt.

 

Am Grunde der Moldau wandern die Steine
Es liegen drei Kaiser begraben in Prag.
Das Große bleibt groß nicht und klein nicht das Kleine.
Die Nacht hat zwölf Stunden, dann kommt schon der Tag.
 

 
 

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DER KRIEG IST GESCHÄNDET WORDEN

 

 

Wie ich höre, wird in den besseren Kreisen davon gesprochen
Daß der zweite Weltkrieg in moralischer Hinsicht
Nicht auf der Höhe des ersten gestanden habe. Die Wehrmacht
Soll die Methoden bedauern, it denen die Ausmerzung
Gewisser Völker  von der SS vollzogen wurde. Die Ruhrkapitäne
Heiße es, beklagen die blutigen Treibjagden
Die ihre Gruben und Fabriken füllten mit Sklavenarbeitern, die Intelligenzler
Hör ich, vedammen die Forderung nach Sklavenarbeitern von seiten der
Industriellen, sowei die gemeine Behandlung.  Selbst die Bischöfe
Rücken ab von dieser Weise, Kriege zu führen, kurz, es herrscht
Allenthalben jetzt das Gefühl, daß die Nazis dem Vaterland
Leider einen Bärendienst erwiesen und daß der Krieg
An und für sich natürlich und notwendig, durch diese
Über alle Stränge schlagende und geradezu unmenschliche
Art, wie er diesmal geführt wurde auf geraume Zeit hinaus
Diskrediert wurde.

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Die Rückkehr (1944)

 

Die Vaterstadt, wie find ich sie doch?
Folgend den Bomberschwärmen
Komm ich nach Haus.
Wo denn liegt sie? Wo die ungeheueren
Gebirge von Rauch stehn.
Das in den Feuern dort
Ist sie.

 

Die Vaterstadt, wie empfängt sie mich wohl?
Vor mir kommen die Bomber. Tödliche Schwärme
Melden euch meine Rückkehr. Feuersbrünste
Gehen dem Sohn voraus.