13 German Originals

 

 

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Regen im Kiefernhain


Schweig. Im Gehölz höre ich keine menschlichen Worte
Sondern ich höre neue Worte, entfernt gesprochen von Tropfen auf Blättern.
Horch. Es regnet von den zerstreuten Wolken.
Es regnet auf die salzigen und versengten Tammarinden.
Es regnet auf die Pinien, blättrig und rauh.
Es regnet auf die göttlichen Myrten, die schimmernden Ginsterbüsche
Die hingegebenen Blumen, den dichten Wacholder, den lustigen, erlauchten
Es regnet auf unsere Gottgesichter.

Es regnet auf unsre nackten Hände, leichten Kleider, frischen Gedanken
Die schöne Fabel, die dich gestern täuschte und mich heute täuscht.

Regen fällt auf das einsame Grün mit einem Geraschel, das anhält und
Sich verändert in der Luft, je nach des Laubs jeweiliger Dichte.
Hör zu.
Dem Seufzen antwortet das Lied der Grille, die nicht erschrickt vor
Dem südwindlichen Seufzen noch dem aschfarbenen Himmel.
Die Pinie hat ihren Ton, die Myrte einen andern und den gleichen nicht
Der Wacholder, verschiedene Instrumente in unzähligen Fingern.
Eingetauchte, wir, in den Geist des Waldes, lebend das Baumleben.
Und dein trunknes Antlitz ist weich vom Regen, wie ein Blatt; und dein
Haar riecht wie der helle Ginster, du irdische Kreatur.
Horch zu, horch zu.
Der Akkord der lüftigen Grillen wird tauber und geht unter im Seufzen
Das anwächst.

 

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Vergnügungen

 

Der erste Blick aus dem Fenster am Morgen
Das wiedergefundene alte Buch
Begeisterte Gesichter
Schnee, der Wechsel der Jahreszeiten
Die Zeitung
Der Hund
Die Dialektik
Duschen, Schwimmen
Alte Musik
Bequeme Schue
Begreifen
Neue Musik
Schreiben, pflanzen
reisen, singen
Freundlich sein

 

Um 1954. -- Brecht schreibt das Gedicht für Käthe Reichel.

 

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Grabschrift für Gorki

Hier liegt
Der Gesandte der Elendsquartiere
Der Beschreiber der Peiniger des Volkes
Sowie ihrer Bekämpfer
Der auf den Universitäten der Landstraßen ausgebildet wurde
Der Niedriggeborene
Der das System von Hoch und Niedrig hat abschaffen helfen
Der Lehrer des Volkes
Der vom Volk gelernt hat.

 
 

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Ist das Volk Unfehlbar?

1

Mein Lehrer
Der große, freundliche
Ist erschossen worden, verurteilt durch ein Volksgericht.
Als ein Spion.  Sein Name ist verdammt.
Seine Bücher sind vernichtet.  Das Gespräch über ihn
Ist verdächtig und verstummt.
Gesetzt, er ist unschuldig?


2

Die Söhne des Volkes haben ihn schuldig gefunden
Die Kolchosen und Fabriken der Arbeiter
Die heroischsten Institutionen der Welt
Haben in ihm einen Feind gesehen.
Keine Stimme hat sich für ihn erhoben.
Gesetzt, er ist unschludig?

3

Das Volk hat viele Feinde.
 In den höchsten Stellungen
 Sitzen Feinde.  In den nützlichsten Laboratorien
 Sitzen Feinde  Sie bauen
 Kanäle und Dämme zum Wohl ganzer Kontinente und die Kanäle
 Verschlammen und die Dämme
 Stürzen ein.  Der Leiter muß erschossen werden.
 Gesetzt, er ist unschuldig?

4

Der Feind geht in Verkleidung.
Er zieht eine Arbeitermütze ins Gesicht.  Seine Freunde
Kennen ihn als eifrigen Arbeiter. Seine Frau
Zeigt die lochrigen Sohlen
Die er sich im Dienst des Volkes durchlaufen hat.
Und er ist doch ein Feind. War mein Lehrer ein solcher?
Gesetzt, er ist unschuldig?

5

Über die Feinde reden, die in den Gerichten des Volkes sitzen können
Ist gefährlich, denn die Gerichte brauchen ihr Ansehen.
Papiere verlangen, auf denen schwarz auf weiß die Beweise der Schuld stehen
Ist unsinning, denn es muß keine solchen Papiere geben.
Die Verbrecher halten Beweise ihrer Unschuld in Händen.
Die Unschuldigen haben oft keine Beweise.
Ist also Schweigen das beste?
Gesetzt, er ist unschuldig?

6

Was 5000 gebaut haben, kann einer zerstören.
Unter 50, die verurteilt werden
Kann einer unschuldig sein
Gestzt, er ist unschuldig?

7

Gesetzt, er ist unschuldig.
Wie mag er zum Tod gehen?

 

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Ardens sed virens
 
 Herrlich, was im schönen Feuer
 Nicht zu kalter Asche kehrt!
 Schwester, sieh, du bist mir teuer
 Brennend, aber nicht verzehrt.
 
Viele sah ich schlau erkalten
Hitzige stürzen unbelehrt
Schwester, dich kann ich behalten
Brennend, aber nicht verzehrt.
 
Ach, für dich stand, wegzureiten
Hinterm Schlachtfeld nie ein Pferd
Darum sah ich dich mit Vorsicht streiten
Brennend, aber nicht verzehrt.

 

 

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DAUERTEN WIR UNENDLICH
 
Dauerten wir unendlich
So wandelte sich alles
Da wir aber endlich sind
Bleibt vieles beim alten.

 
 

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Die neuen Zeitalter

 

Die neuen Zeitalter beginnen nicht auf einmal.
Mein Großvater lebte schon in der neuen Zeit
Mein Enkel wird wohl noch in der alten leben.
 
Das neue Fleisch wird mit den alten Gabeln gegessen.
 
Die selbstfahrenden Fahrzeuge waren es nicht
Noch die Tanks
Die Flugzeuge über unsern Dächern waren es nicht
Noch die Bomber
 
Von den neuen Atennen kamen die alten Dummheiten.
Die Weisheit wurde von Mund zu Mund weitergegeben.

 
 

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Warum soll mein Name genannt werden
1
Einst dachte ich: in fernen Zeiten
Wenn die Häuser zerfallen sind, in denen ich wohne
Und die Schiffe verfault, auf denen ich fuhr
Wird mein Name noch genannt werden
Mit andren,

2
Weil ich das Nützliche rühmte, das
Zu meinen Zeiten für unedel galt
Weil ich die Religion bekämpfte
Weil ich gegen die Unterdrückung kämpfte oder
Aus einem andren Grund.

3
Weil ich für die Menschen war und
Ihnen alles überantwortete, sie so ehrend
Weil ich Verse schrieb und die Sprache bereicherte
Weil ich praktisches Verhalten lehrte oder
Aus irgendeinem andren Grund.

4
Deshalb meinte ich, wird mein Name noch genannt
Werden, auf einem Stein
Wird mein Name stehen, aus den Büchern
Wird er in die neuen Bücher abgedruckt werden.

5
Aber heute
Bin ich einverstanden, daß er vergessen wird.
Warum
Soll man nach dem Bäcker fragen, wenn genügend
Brot da ist?
Warum
Soll der Schnee gerühmt werden, der ge-
schmolzen ist
Wenn neue Schneefälle bevorstehen?
Warum
Soll es eine Vergangenheit geben, wenn es eine
Zukunft gibt?

6
Warum
Soll mein Name genannt werden?

Ich benötige keinen Grabstein, aber
Wenn ihr einen für mich benötigt
Wünschte ich, es stünde darauf:
Er hat Vorschläge gemacht. Wir
Haben sie angenommen.
Durch eine solche Inschrift wären
Wir alle geehrt.

 

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Aus ist das Stück. Verübt ist die Vorstellung.
Langsam
Leert, ein erschlaffter Darm, das Theater sich.
In den Garderoben
Waschen von Schminke und Schweiß sich die flinken Verkäufer
Eilig gemischter Mimik, ranziger Rhetorik.
Endlich
Gehen die Lichter aus, die das klägliche
Pfuschwerk enthüllten, und lassen in Dämmer
Das schöne
Nichts der mißhandelten Bühne. Im leeren
Noch leicht stinkenden Zuschauerraum sitzt
Der gute
Stückeschreiber und ungesättigt versucht er
Sich zu erinnern.

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FRAGEN UND ANTWORTEN

 

“Kann Wahrheit sterblich, Lüge ewig sein?” – “Das will ich meinen.”
”Wo sahst du Unrecht lange unerkannt gehen?” - “Hier.”
“Doch wer kennt einen, den Gewalt ins Glück trug?” – “Wer kennt keinen?”
“Wer könnt in solcher Welt dann den Bedrücker stürzen?” - “Ihr.”

 

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Sauna und Beischlaf

 

Am besten fickt man erst und badet dann.
Du wartest, bis sie sich zum Eimer bückt
Besiehst den nackten Hintern, leicht entzückt
Und langst sie, durch die Schenkel, spielend an.

Du hältst sie in der Stellung, jedoch später
Sei's ihr erlaubt, sich auf den Schwanz zu setzten
Wünscht sie, die Fotze aufwärts sich zu netzen.
Dann freilich, nach der Sitte unsrer Väter

Dient sie beim Bad. Sie macht die Ziegel zischen
Im schnellen Guß (das Wasser hat zu kochen)
Und peitscht dich rot mit zarten Birkenreißern
Und so, allmählich, in dem immer heißern
Baslamischen Dampf läßt du dich ganz erfrischen    
Und schwitzst dir das Geficke aus den Knochen.

 

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Über die Verführung von Engeln

 

Engel verführt man gar nicht oder schnell.            
Verzieh ihn einfach in den Hauseingang            
Steck ihm die Zunge in den Mund und lang         
Ihm untern Rock, bis er sich naß macht, stell
Ihn das Gesicht zur Wand, heb ihm den Rock
Und fick ihn. Stöhnt er irgendwie beklommen
Dann halt ihn fest und laß ihn zweimal kommen
Sonst hat er dir am Ende einen Schock

Ermahn ihn, daß er gut den Hintern schwenkt
Heiß ihn dir ruhig an die Hoden fassen
Sag ihm, er darf sich furchtlos fallen lassen
Dieweil er zwischen Erd und Hermel hängt -

Doch schau ihm nicht beim Ficken ins Gesicht
Und seine Flügel, Mensch, zerdrück sie nicht.