12 German Originals

 

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DER SCHUH DES EMPEDOKLES

 

Als Empedokles, der Agrigenter
Sich die Ehrungen seiner Mitbürger erworben hatte zugleich
Mit den Gebrechen des Alters
Beschloß er zu sterben.  Da er aber
Einige liebte, von denen er wider geliebt ward
Wollte er nicht zunichte werden vor ihnen, sondern
Lieber zu Nichts. Er lud sie zum Ausflug, nicht alle
Einen oder den anderen ließ er auch weg, so in die Auswahl
Und das Gesamte Unternemen
Zufall zu mengen.
Sie bestiegen den Ätna.
Die Mühe des Steigens
Erzeugte Schweigen. Niemand vermißte
Weise Worte. Oben
Schnauften sie aus, zum gewohnten Pulse zu kommen
Beschäftigt mit Aussicht, fröhlich, am Ziel zu sein.
Unbemerkt verließ sie der Lehrer.                
Als sie wieder zu sprechen begannen, merkten sie
Noch nicht, erst später
Fehlte hier und da ein Wort, und sie sahen sich nach ihm.
Er aber ging da schon längst um die Bergkuppe
Nicht so sehr eilend. Einmal
Blieb er stehen, da hörte er
Wie entfernt weit hinter der Kuppe
Das Gespräch wieder anhub. Die einzelnen Worte
Waren nicht mehr zu verstehen: das Sterben hatte begonnen.
Als er am Krater stand
Abgewandten Gesichts, nicht wissen wollend das Weitere
Das ihn nicht mehr betraf, buckte der Alte sich langsam
Löste sorglich den Schuh vom Fuß und warf ihn lächelnd
Ein paar Schritte seitwarts, so daß er nicht allzubald
Gefunden wurd, aber doch rechtzeitig, nämlich
Bevor er verfault war. Dann erst
Ging er zum Krater. Als seine Freunde
Ohne ihn und ihn suchend zurückgekehrt waren
Fing durch die nächsten Wochen und Monate mählich
Jetzt sein Absterben an, so wie er’s gewünscht hatte. Immer noch
Warteten einige auf ihn, während schon andere
Ihn gestorben gaben. Immer noch stellten
Einige ihre Fragen zurück bis zu seiner Widerkehr, während schon andere
Selber die Lösung versuchten. Langsam, wie Wolken
Sich entfernen am Himmel, unverändert, nur kleiner werdend
Weiter weichend, wenn man nicht hinsieht, entfernter
Wenn man sie wieder sucht, vielleicht schon verwechselt mit andern
So entfernte er sich aus ihrer Gewohnheit, gewöhnlicherweise.
Dann erwuchs ein Gerücht.
Er sei nicht gestorben, da er nicht sterblich gewesen sei, hieß es.
Geheimnis umgab ihn.  Es wurde für möglich gehalten
Daß außer Irdischem anders sei, das der Lauf des Menschlichen
Abzuändern sei für den einzelnen: solches Geschwätz kam auf.
Aber zu der Zeit ward dann sein Schuh gefunden, der aus Leder
Der greifbare, abgetragenen, der irdische hinterlegt für jene, die
Wenn sie nicht sehen, sogleich mit dem glauben beginnen.
Seiner Tage Ende
War so wieder natürlich. Er war wie ein andrer gestorben.  

2.
Andere wieder bescheiben den Vorgang
Anders: dieser Empedokles habe
Wirklich versucht, sich göttliche Ehren zu sichern
Und durch gehemnisvolles Entweichen, durch seinen schlauen
Zeugenlosen Sturz in den Ätna die Sage begründen wollen, er
Sei nicht von der menschlichen Art, den Gesetzen des Verfalls
Nicht unterworfen. Dabei dann
Habe sein Schuh ihm den Possen gespielt, in menschliche Hände zu fallen.
(Einige sagen sogar, der Krater selber, verärgert
Über solches Beginnen, habe den  Schuh des Entarteten
Einfach ausgespien.)  Aber da glauben wir lieber:
Wenn er den Schuh tatsächlich nicht auszog, hätte er eher
Nur unsere Dummheit vergessen und nicht bedacht, wie wir eilends
Dunkles noch dunkler machen wollen und lieber das Ungereimte
Glauben, als sich nach einem zureichenden Grund.  
Und dann hätte der Berg -
Und zwar nicht empört über solche Nachlässigkeit oder gar glaubend
Jener hätte uns täuschen wollen, um göttliches Ehren zu heimsen.
(Denn der Berg glaubt nichts und ist mit uns nicht beschäftigt)
Aber doch eben Feuer speiend wie immer - den Schuh uns
Ausgeworfen, und so hielten die Schüler -
Schon beschäftigt, großes Geheimnis zu wittern
Tiefe Metaphysik zu entwickeln, nur allzu beschäftigt! -
Plőtzlich bekümmert den Schuh des Lehrers in Händen, den greifbaren,
Abgetragenen, den aus Leder, den irdischen.

 

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Wie künftige Zeiten unsere Schriftsteller beurteilen werden


I


Die auf die goldenen Stühle gesetzt sind, zu schreiben
Werden gefragt werden nach denen, die
Ihnen die Röcke webten.
Nicht nach ihren erhabenen Gedanken
Werden ihre Bücher durchforscht werden, sondern
Irgendein beiläufiger Satz, der schließen läßt
Auf eine Eigenheit derer, die Röcke webten
Wird mit Interesse gelesen werden, denn hier mag es sich um Züge
Der berühmten Ahnen handeln.

Ganze Literaturen
In erlesenen Ausdrücken verfaßt
Werden durchsucht werden nach Anzeichen
Daß da auch Aufrührer gelebt haben, wo Unterdrückung war.
Flehentliche Anrufe überirdischer Wesen
Werden beweisen, daß da Irdische über Irdischen gesessen sind.
Köstliche Musik der Worte wird nur berichten
Daß da für viele kein Essen war.


II


Aber in jener Zeit werden gepriesen werden
Die auf dem nackten Boden saßen, zu schreiben
Die unter den Niedrigen saßen
Die bei den Kämpfern saßen.
Die von den Leiden der Niedrigen berichteten
Die von den Taten der Kämpfer berichteten
Kunstvoll. In der edlen Sprache
Vordem reserviert
Der Verherrlichung der Könige.

Ihre Beschreibungen der Mißstände und ihre Aufrufe
Werden noch den Daumenabdruck
Der Niedrigen tragen. Denn diesen
Wurden sie übermittelt, diese
Trugen sie weiter unter dem durchschwitzten Hemd
Durch die Kordone der Polizisten
Zu ihresgleichen.
Ja, es wird eine Zeit geben, wo
Diese Klugen und Freundlichen
Zornigen und Hoffnungsvollen
Die auf dem nackten Boden saßen, zu schreiben
Die umringt waren von Niedrigen und Kämpfern
Öffentlich gepriesen werden.

 

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Liebesunterricht
                    
Aber, Mädchen, ich empfehle
Etwas Lockung im Gekreisch:
Fleischlich lieb ich mir die Seele
Und beseelt lieb ich das Fleisch.
 
Keuschheit kann nicht Wollust mindern
Hungrig wär ich gern statt.
Mag's wenn Tugend einen Hintern
Und ein Hintern Tugend hat.

Seit der Gott den Schwan geritten
Wurd es manchem Mädchen bang
Hat sie es auch gern gelitten:
Er bestand auf Schwanensang.

 

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Schlußchoral
 
Verfolgt das Unrecht nicht zu sehr. In Bälde
Erfriert es schon von selbst, denn es ist kalt.
Bedenkt das Dunkel und die große Kälte
In diesem Tale, das von Jammer schallt.
 

 

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WIE ES WAR (l)
 
Erst ließ Freude mich nicht schlafen
Dann hielt Kummer nachts die Wacht.
Als mich beide nicht mehr trafen
Schlief ich. Aber ach, es bracht
Jeder Maienmorgen mir Novembernacht.
 

WIE ES WAR (2)
 
Deine Sorg war meine Sorg
Meine Sorg war deine
Hattest du eine Freud nicht mit
Hatt' ich selber keine.

 

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Als der Nobelpreisträger Thomas Mann den
Amerikanern und Engländern das Recht zusprach,
das deutsche Volk für die Verbrechen
des Hitlerregimes zehn Jahre lang zu züchtigen.
 

1

Züchtigt den Gezüchtigten nur weiter!
Züchtigt ihn im Namen des Ungeists!
Züchtigt ihn im Namen des Geists!

Die Hände im dürren Schoß
Verlangt der Geflüchtete den Tod
Einer halben Million Menschen.

Für ihre Opfer verlangt er
Zehn Jahre Bestrafung. Die Dulder
Sollen gezüchtigt werden.

Der Preisträger hat den Kreuzträger aufgefordert
Seine bewaffneten Peiniger mit bloßen Händen anzufallen.
Die Presse brachte keine Antwort. Jetzt
Fordert der Beleidigte die Züchtigung
Des Gekreuzigten.

2

Einen Hunderttausenddollarnamen zu gewinnen
Für die Sache des gepeinigten Volkes
Zog der Schreiber seinen guten Anzug an
Mit Bücklingen
Nahte er sich dem Besitzer.
Ihn zu verführen mit glatten Worten
Zu einer gnädigen Äußerung über das Volk
Ihn zu bestechen mit Schmeichelei
Zu einer guten Tat
Ihm listig vorzuspiegeln
Daß die Ehrlichkeit sich bezahlt macht.

Mißtrauisch horchte der Gefeierte.
Für einen Augenblick
Erwog er, auch hier gefeiert zu werden, die Möglichkeit
Schreib auf, mein Freund, ich halte es für meine Pflicht
Etwas für das Volk zu tun. Eilig
Schrieb der Schreiber die kostbaren Worte auf, gierig
Nach weiterem hochblickend, sah er nur noch den Rücken
Des Gefeierten im Türrahmen. Der Anschlag
War mißglückt.
 
3
 
Und für einen Augenblick auch
Stand der Bittsteller verwirrt
Denn die Knechtseligkeit
Machte ihm Kummer, wo er immer sie traf.
Aber dann, eingedenk
Daß dieser verkommene Mensch
Lebte von seiner Verkommenheit, das Volk aber
Nur den Tod gewinnt, wenn es verkommt
Ging er ruhiger weg.

 

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Napoleon

 

Die Revolution war fertig schon
Da kam der große Napoleon
Die Bürger haben ihn als Kaiser eingesetzt
Denn sie waren die Herren jetzt.
Seine Marschälle waren Schankwirtssöhne
Seine Grenadiere bekamen gute Löhne
Seine gewaltige Artillerie
Schaffte Platz für die Industrie.
Die Völker Europas haben ihn vertrieben.
Ihre eigenen Fürsten sind ihnen geblieben.
Die haben den ganzen Gewinn gekriegt:
Die Schlechteren haben den Schlechten besiegt.

 
 

EIN TIERGEDICHT
    
Es war einmal eine Kellerassel
Die geriet in ein Schlamassel.
Der Keller, in dem sie asselte
Brach eines schönen Tages ein
So daß das ganze Haus aus Stein
Ihr auf das Köpfchen prasselte.
Sie soll religiös geworden sein.

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WECHSEL DER DINGE
 
I
 
Und ich war alt, und ich war jung zu Zeiten
War alt am Morgen und am Abend jung
Und war ein Kind, erinnernd Traurigkeiten
Und war ein Greis ohne Erinnerung.
 
II

War traurig, wann ich jung war
Bin traurig, nun ich alt
So, wann kann ich mal lustig sein?
Es wäre besser bald.
 

 
 

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DER GEDANKE IN DEN WERKEN DER KLASSIKER
 
Nackt und ohne Behang
Tritt er vor dich hin, ohne Scham, denn er ist
Seiner Nützlichkeit sicher.
Es bekümmert ihn nicht
Daß du ihn schon kennst, ihm genügt es
Daß du ihn vergessen hast.
Er spricht
Mit der Grobheit der Größe. Ohne Umschweife
Ohne Einleitung
Tritt er auf, gewohnt
Beachtung zu finden, seiner Nützlichkeit wegen.
Sein Hörer ist das Elend, das keine Zeit hat.
Kälte und Hunger wachen
Ober die Aufmerksamkeit der Hörer. Die geringste Unaufmerksamkeit
Verurteilt sie zum sofortigen Untergang.

Tritt er aber so herrisch auf
So zeigt er doch, daß er ohne seine Hörer nichts ist
Weder gekommen wäre noch wüßte
Wohin gehen oder wo bleiben
Wenn sie ihn nicht aufnehmen. Ja, von ihnen nicht belehrt
Den gestern noch Unwissenden
Verlöre er schnell seine Kraft und verkäme eilig.

 

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ÜBER DAS BÜRGERLICHE TRAUERSPIEL
»DER HOFMEISTER« VON LENZ

 
Hier habt ihr Figaro diesseits des Rheins!
Der Adel geht beim Pöbel in die Lehre
Der drüben Macht gewinnt und hüben Ehre:
So wird's ein Lustspiel drüben und hier kems.
 
Der Arme will, statt in die Literatur
Der reichen Schül'rin in die Bluse sdiaun.
Doch statt den Gordischen Knoten zu durchhaun
Haut er, Lakai, nur über eine Schnur.
 
Nun, er gewahrt, daß sich mit seinem Glied
Zugleich sein Brotkorb in die Höhe zieht.
So heißt es denn zu wählen, und er wählt.
 
Sein Magen knurrt, doch klärt auch sein Verstand sich
Er flennt und murrt und lästert und entmannt sich.
Des Dichters Stimme bricht,  wenn er's erzahlt.

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O Lust des Beginnens

 

O Lust des Beginnens! O Früher Morgen!
Erstes Gras, wenn vergessen scheint
Was grün ist! O erste Seite des Buchs
Des erwarteten, sehr überraschende! Lies

Langsam, allzuschnell
Wird der ungelesene Teil dir dünn! Und der erste Wasserguß
In das verschweißte Gesicht! Das frische
Kühle Hemd! O Beginn der Arbeit! Öl zu füllen

In die kalte Maschine! Erster Handgriff und erstes Summen
Des anspringenden Motors! Und erster Zug
Rauchs, der die Lunge füllt! Und du
Neuer Gedanke!

 
 

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Morgens und abends zu lesen


Der, den ich liebe
Hat mir gesagt
Daß er mich braucht

Darum
Gebe ich auf mich acht
Sehe auf meinen Weg und
Fürchte von jedem Regentropfen
Daß er mich ihm erschlagen könnte.