11 German originals

 

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BÖSER MORGEN

Nach dem Aufstand des 17. Juni
Ließ der Sekretär des Schriftstellerverbands
In der Stalinallee Flugblätter verteilen
Auf denen zu lesen war, daß das Volk
Das Vertrauen der Regierung verscherzt habe
Und es nur durch verdoppelte Arbeit
Zurückerobern könne. Wäre es da
Nicht doch einfacher, die Regierung
Löste das Volk auf und                 
Wählte ein anderes?
 

 

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LEBENSMITTEL ZUM ZWECK

 

An Kanonen gelehnt
Teilen die Söhne Mac Carthys Schmalz aus.
Und in unendbarem Zug, auf Rädern, zu Fuß
Eine Völkerwanderung aus dem innersten Sachsen.

 

Wenn das Kalb vernachlässigt ist
Drängt es zu jeder schmeichelnden Hand, auch
Der Hand seines Metzgers.

 

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DER RADWECHSEL

Ich sitze am Straßenhang.
Der Fahrer wechselt das Rad.
Ich bin nicht gern, wo ich herkomme.
Ich bin nicht gern, wo ich hinfahre.
Warum sehe ich den Radwechsel
Mit Ungeduld?
 

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LAUTE

Später, im Herbst
Hausen in den Silberpappeln große Schwärme von Krähen
Aber den ganzen Sommer durch höre ich
Da die Gegend vogellos ist
Nur Laute von Menschen rührend.
Ich bin's zufrieden.
 

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GEWOHNHEITEN, NOCH IMMER

Die Teller werden hart hingestellt
Daß die Suppe überschwappt.
Mit schriller Stimme
Ertönt das Kommando: Zum Essen!
Der preußische Adler
Den Jungen hackt er
Das Futter in die Mäulchen.
 

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DER EINARMIGE IM GEHÖLZ

Schweißtriefend bückt er sich
Nach dem dürren Reisig. Die Stechmücken
Verjagt er durch Kopf schütteln. Zwischen
den Knieen
Bündelt er mühsam das Brennholz. Ächzend
Richtet er sich auf, streckt die Hand hoch, zu spüren
Ob es regnet. Die Hand hoch
Der gefürchtete S. S. Mann.

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DIE NEUE MUNDART

Als sie einst mit ihren Weibern über Zwiebeln sprachen
Die Läden waren wieder einmal leer
Verstanden sie noch die Seufzer, die Flüche, die Witze
Mit denen das unerträgliche Leben
In der Tiefe dennoch gelebt wird.
Jetzt
Herrschen sie und sprechen eine neue Mundart
Nur ihnen selber verständlich, das Kaderwelsch
Welches mit drohender und belehrender Stimme gesprochen wird
Und die Läden füllt – ohne Zwiebeln.
Dem, der Kaderwelsch hört
Vergeht das Essen.
Dem, der es spricht
Vergeht das Hören.
 

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RUDERN, GESPRÄCHE

Es ist Abend. Vorbei gleiten  zwei Faltboote darinnen
Zwei nackte junge Männer.  Nebeneinander rudernd  
Sprechen sie.  Sprechend
Rudern sie nebeneinander.
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VOR ACHT JAHREN

Da war eine Zeit
Da war alles hier anders.
Die Metzgerfrau weiß es.
Der Postbote hat einen zu aufrechten Gang.
Und was war der Elektriker?

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GROSSE ZEIT, VERTAN

Ich habe gewußt, daß Städte gebaut wurden
Ich bin nicht hingefahren.
Das gehört in die Statistik, dachte ich
Nicht in die Geschichte.

Was sind schon Städte, gebaut
Ohne die Weisheit des Volkes?

 


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VOR ACHT JAHREN

Da war eine Zeit
Da war alles hier anders.
Die Metzgerfrau weiß es.
Der Postbote hat einen zu aufrechten Gang.
Und was war der Elektriker?
 

 

 

 
 
 
 
 
 
 
 

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DIE MUSEN

Wenn der Eiserne sie prügelt
Singen die Musen lauter.
Aus gebläuten Augen
Himmeln sie ihn hündisch an.
Der Hintern zuckt vor Schmerz
Die Scham vor Begierde.
 

 

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Die Silberpappel, eine ortsbekannte
Schönheit
Heut eine alte Vettel. Der See
Eine Lache Abwaschwasser, nicht rühren!
Die Fuchsien unter dem Löwenmaul billig und eitel.
Warum?
Heut nacht im Traum sah ich Finger, auf mich deutend
Wie auf einen Aussätzigen. Sie waren zerarbeitet und
Sie waren gebrochen.
Unwissende! schrie ich
Schuldbewußt.

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Eisen

Im Traum heute nacht
Sah ich einen großen Sturm.
Ins Baugerüst griff er
Den Bauschragen riß er
Den Eisernen, abwärts.
Doch was da aus Holz war
Bog sich und blieb.


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DER HIMMEL DIESES SOMMERS  

Hoch über dem See fliegt ein Bomber.  
Von den Ruderbooten auf  
Schauen Kinder, Frauen, ein Greis.  Von weitem
Gleichen sie jungen Staren, die Schnäbel aufreißend   
Der Nahrung entgegen.

 

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BEI DER LEKTÜRE EINES SPÄTGRIECHISCHEN DICHTERS

In den Tagen, als ihr Fall gewiß war
Auf den Mauern begann schon die Totenklage
Richteten die Troer Stückchen grade, Stückchen
In den dreifachen Holztoren, Stückchen.
Und begannen Mut zu haben und gute Hoffnung.

Auch die Troer also ...

 

 

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DER BLUMENGARTEN
    
Am See, tief zwischen Tann und Silberpappel
Beschirmt von Mauer und Gesträuch ein Garten
So weise angelegt mit monatlichen Blumen
Daß er vom März bis zum Oktober blüht.

Hier in der Früh, nicht allzu häufig, sitz ich
Und wünsche mir, auch ich mög allezeit
In den verschiedenen Wettern, guten, schlechten
Dies oder jenes Angenehme zeigen.

 

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DER RAUCH

Das kleine Haus unter Bäumen am See
Vom Dach steigt Rauch
Fehlte er
Wie trostlos dann wären
Haus, Bäume und See.

 

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Ginge da ein Wind
Könnte ich ein Segel stellen. .
Wäre da kein Segel
Machte ich eines aus Stecken und Plane.

 

 

 
 
 
 
 
 
 
 

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Schwierige Zeiten
 
Stehend an meinem Schreibpult
Sehe ich durchs Fenster im Garten den Holderstrauch
Und erkenne darin etwas Rotes und etwas Schwarzes
Und erinnere mich plötzlich des Holders
Meiner Kindheit in Augsburg.
Mehrere Minuten erwäge ich
Ganz ernsthaft, ob ich zum Tisch gehn soll
Meine Brille holen, um wieder
Die schwarzen Beeren an den roten Zweiglein zu sehen.

 

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ALS ICH IN WEISSEM KRANKENZIMMER DER CHARITÉ

 

Als ich in weißem Krankenzimmer der Charité
Aufwachte gegen Morgen zu
Und die Amsel hörte, wußte ich
Es besser. Schon seit geraumer Zeit
Hatte ich keine Todesfurcht mehr. Da ja nichts
Mir je fehlen kann, vorausgesetzt
Ich selber fehle. Jetzt
Gelang es mir, mich zu freuen
Alles Amselgesanges nach mir auch.

 
 

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Viele sehen es so

 

Viele sehen es so, als drängten wir uns
Zu den abgelegensten Verrichtungen
Bemühten uns um seltene Aufträge
Unsere Kräfte zu erproben oder unter Beweis zu stellen -
Aber in Wirklichkeit sieht besser, wer
Uns einfach das Unvermeidliche tun sieht:
Möglichst gerade zu gehen, die Hindernisse des Tages
Zu überwinden, die Gedanken zu vermeiden, die
Schlimme Folgen gehabt haben, die günstigen
Ausfindig zu machen, eben:
Den Weg des Tropfens zu bahnen im Fluß, der sich
Durch das Geröll den Weg bahnt.

 

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Es ist besser, zu leben
Sogar schlecht.
Der Krüppel kann reiten
Der Einhändige Vieh treiben
Der Taube fechten und nützlich sein
Blind sein ist besser
Als verbrannt werden.
Niemand kriegt Gutes von einem Leichnam.
 

 

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INBESITZNAHME DER GROSSEN METRO DURCH DIE MOSKAUER ARBEITERSHAFT AM 27. APRIL 1935

 

Wir hörten 80, 000 Arbetier
Haben die Metro gebaut, viele noch nach der täglichen Arbeit
Oft die Nächte durch.  Während dieses Jahres
Hatte man immer junge Männer und Mädchen
Lachend aus den Stollen klettern sehen, ihre Arbeitsanzüge
Die lehmigen, schweißdurchnaßten, stolz vorweisend.
All Schwierigkeiten -
Unterirdische Flüße, Druck der Hochhäuser
Nachgebende Erdmassen - wurden besiegt.  Bei der Ausschmückung
Wurde keine Mühe gespart. Der beste Marmor
Wurde weit hergeschafft, die schönsten Hölzer
Sorfältig bearbeitet. Beinahe lautlos
Liefen schließlich die schönen Wagen
Durch taghelle Stollen: für strenge Besteller
Das Allerbeste.
Als nun die Bahn gebaut war nach den vollkommensten Mustern
Und die Besitzer kamen, sie zu besichtigen und
Auf ihr zu fahren, da waren es diejenigen
Die sie gebaut hatten.
Es waren da Tausende, die herumgingen
Die riesigen Hallen besichtigend, und in den Zügen
Fuhren große Massen vorbei, die Gesichter -
Männer, Frauen und Kinder, auch Greise -
Den Stationen zugewandt, strahlend wie im Theater, denn die Stationen
Waren verschieden gebaut, aus verschiedenen Steinen
In verschiedener Bauart, auch das Licht
Kam aus immer anderer Quelle.  Wer in die Wagen einstieg
Wurde in fröhlichem Gedränge nach hinten geschoben
Da die Vorderplätze zur Besichtung der Stationen
Die besten waren. An jeder Station
Wurden die Kinder hochgehoben. Möglichst oft
Sturmten die Fahrenden hinaus und betrachteten
Mit fröhlicher Strenge das Geschaffene. Sie befühlten die Pfeiler
Und begutachteten ihre Glätte, mit den Schuhn
Fuhren sie über die Steinböden, ob die Steine
Auch gut eingefügt seien.  Zurrückströmend in die Wagen
Prüften sie die Bespannnung der Wände und griffen
An das Glas.  Immerfort
Wiesen Frauen und Manner - unsicher, ob es die richtigen waren -
Auf Stellen, wo sie gearbeitet hatten: das Gestein
Trug die Spuren ihrer Hände.  Jedes Gesicht
War gut sichtbar, denn es gab viel Licht
Vieler Lampen, mehr als in irgendeiner Bahn, die ich gesehen habe.
Auch die Stollen waren beleuchtet, kein Meter Arbeit
War unbeleuchtet.  Und all dies
War in einem einzigen Jahr gebaut worden und von so vielen Bauleuten
Wie keine andere Bahn der Welt. Und keine
Andrer Bahn der Welt hatte je so viele Besitzer
Denn es sah der wunderbare Bau
Was keiner seiner Vorgänger in vielen Stadten vieler Zeiten
Jemals gesehen hatte: als Bauherren die Bauleute
Wo wäre dies je vorgekommen, daß die Frucht der Arbeit
Denen zufiel, die da gearbeitet hatten? Wo jemals
Wurden die nicht vertrieben aus dem Bau
Die ihn errichtet hatten
Als wir sie fahren sahen in ihren Wagen
Den Werken ihrer Hände, wußten wir
Dies ist das große Bild, das die Klassiker einstmals
Erschüttert vorausahen.

 


 

 

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DER ZWEIFLER
 
Immer wenn uns
Die Antwort auf eine Frage gefunden schien
Loste einer von uns an der Wand die Schnur der alten
Aufgerollten chinesischen Leinwand, so daß sie herabfiel und
Sichtbar wurde der Mann auf der Bank, der
So sehr zweifelte.
 
Ich, sagte er uns
Bin der Zweifler, ich zweifle, ob
Die Arbeit gelungen ist, die eure Tage verschlungen hat.
Ob was ihr gesagt, auch schlechter gesagt, noch für einige Wert hätte.
Ob ihr es aber gut gesagt und euch nicht etwa
Auf die Wahrheit verlassen habt dessen, was ihr gesagt habt.
Ob es nicht vieldeutig ist, für jeden möglichen Irrtum
Tragt ihr die Schuld. Es kann auch eindeutig sein
Und den Widerspruch aus den Dingen entfernen; ist es zu eindeutig?
Dann ist es unbrauchbar, was ihr sagt. Euer Ding ist dann leblos.
Seid ihr wirklich im Fluß des Geschehens? Einverstanden mit
Allem, was wird? Werdet ihr noch? Wer seid ihr? Zu wem
Sprecht ihr? Wem nützt es, was ihr da sagt? Und nebenbei:
Läßt es auch nüchtern? Ist es am Morgen zu lesen?
Ist es auch angeknüpft an Vorhandenes? Sind die Sätze, die
Vor euch gesagt sind, benutzt, wenigstens widerlegt? Ist alles belegbar?
Durch Erfahrung? Durch welche? Aber vor allem
Immer wieder vor allem ändern: Wie handelt man
Wenn man euch glaubt, was ihr sagt? Vor allem: Wie handelt man?

Nachdenklich betrachteten wir mit Neugier den zweifelnden
Blauen Mann auf der Leinwand, sahen uns an und
Begannen von vorne.
 

 

 

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LIEBESLIED AUS EINER SCHLECHTEN ZEIT
 
Wir waren miteinander nicht befreundet
Doch haben wir einander beigewohnt.
Als wir einander in den Armen lagen
Waren wir einander fremder als der Mond.
 
Und träfen wir uns heute auf dem Markte
Wir konnten uns um ein paar Fische schlagen.
Wir waren miteinander nicht befreundet
Als wir einander in den Armen lagen